Die Macht der guten Gefühle

Sie sind ansteckend – und machen gesund. Doch wie findet man eigentlich zu einem freudvollen “Grundzustand”? Basis sind die drei Säulen Selbstliebe, Achtsamkeit und Loslassen, sagt Autor Winfried Hille…

Die Macht der guten Gefühle

Selbstliebe & Achtsamkeit verändern das Leben

positive gefühle sind gesundEs gibt Momente, die sind perfekt. Draußen scheint unablässig die Sonne, Du hast Dich vielleicht ein klein bisschen verliebt, im Job läuft es gut, Du kannst Dir gar nicht mehr vorstellen, warum Du Dir gestern solche Sorgen gemacht hast, Du atmest innerlich auf, empfindest dein Leben als wunderschön und könntest im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen. In so einem Moment fühlst Du Dich mit der Welt verbunden, voller Kraft und Schaffensdrang und fragst Dich, warum das eigentlich nicht immer so sein kann. Ja, warum eigentlich nicht? Was bleibt, wenn das gute Gefühl verfolgen ist?

Nach einer Theorie der Wissenschaftlerin Barbara L. Frederickson ist es tatsächlich so: Positive Empfindungen wie Freude, Dankbarkeit und Zufriedenheit vergrößern unser Gedanken- und Handlungsrepertoire und helfen uns dauerhaft, mentale Ressourcen aufzubauen. So ist auch Kreativität nicht nur eine Frage der individuellen Begabung, sondern auch der richtigen Stimmung. Und schließlich ist belegt, dass Menschen, die sich gut fühlen, im Schnitt sogar länger leben.

Positive Gefühle sind heilsam – und ansteckend

Älterer Mann lacht und freut sichPositive Gefühle verändern nicht nur uns selbst – sie wirken auch ansteckend auf unsere Umwelt. So ist längst belegt, dass positive und optimistische Menschen hilfsbereiter sind als andere. Jene, denen Hilfe zuteil wird, fühlen Dankbarkeit und selbst unbeteiligte “Zuschauer” können sich darüber freuen. So führen gute Gefühle in einer Art Kettenreaktion zu einer offenen Geisteshaltung und mehr Hilfsbereitschaft, was wieder weitere positive Emotionen nach sich zieht.

Für negative Gefühle müssen wir nichts tun – die kommen von alleine-, doch für unsere guten Gefühle sind wir selbst verantwortlich. Es stellt sich also die Frage, wie wir quasi auf Knopfdruck positive Gefühle in uns erzeugen können und welche Methoden uns dabei helfen können. Und vor allem: Was hindert uns eigentlich daran, jeden Tag in Freude zu leben?

Selbst-Liebe als Basis von Lebensfreude

Selbstbewusste FrauAm Anfang wirklicher Lebensfreude steht die Liebe zu sich selbst. Wenn wir die Welt als überwiegend negativ betrachten, so liegt der Grund doch meistens in uns selbst. Mögen wir uns überhaupt? Die Fähigkeit, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, stellt sich nicht notwendigerweise rasch oder leicht ein. Es bedarf wie überall auch hier der Übung. Allerhand negativer Stimmen aus der Vergangenheit laufen noch immer auf unserem mentalen Tonband ab. Wer ständig mit seiner Lebenssituation hadert, sich auf seine vermeintlich “schlechte” Kindheit oder das viele Pech im Leben fokussiert, der mag sich selbst bald nicht mehr leiden, macht sich zum Opfer und wird dem Leben eher die negativen als die positiven Seiten abgewinnen. Wie können wir uns da selbst lieben und akzeptieren lernen?

Einen sehr praktischen Weg zur Selbstliebe beschreibt James Baraz in seinem Buch “Freude” anhand der Liebe, die er für seinen Sohn spürt: “Denken Sie mal daran, wie es ist, jemandem Liebe entgegenzubringen. Zum Beispiel wird mein Herz automatisch ganz weit und offen, wenn ich an meinen Sohn Adam denke. Ich werde mir der spezifischen Kombination von Eigenschaften bewusst, die ich als Adams Wesen wahrnehme – seine unersättliche Neugier, seine Verschmitztheit, seine raue Seite, die ein Gegengewicht zu seiner Zärtlichkeit darstellt, seine charmante Persönlichkeit und die echte Güte, die sein Herz ausstrahlt. Selbst seine Eigenheiten, die mich manchmal auf die Palme treiben, kommen wir liebenswert vor, wenn ich sie im größeren Zusammenhang seiner Gutherzigkeit und seines Potenzials betrachte. Würde ich mich ausschließlich auf das Negative konzentrieren, so verlöre ich den Kontakt mit den erstaunlich vielen guten Eigenschaften, die er hat. Meine Liebe ist für ihn da, egal was geschieht.”

Ist das nicht ein schönes Bild für die Art von Liebe, wie wir uns auch selbst geben könnten? Selbstliebe und damit ein gutes Gefühl für uns selbst beginnt damit, dass wir unsere ständige Selbstkritik einfach loslassen und uns so akzeptieren, wie wir sind. Und das geht am besten, indem wir damit aufhören, uns nur auf das zu konzentrieren, was wir an uns nicht mögen, und uns stattdessen als einzigartiges, geheimnisvolles, sich ständig veränderndes Wesen betrachten, das unserer ganzen Liebe bedarf.

Achtsamkeit führt zu mehr Freude

Junger Mann auf einer ParkbankEin probates Mittel, uns innerlich ganz auf die positiven Seiten des Lebens auszurichten, liegt in der Fähigkeit der Achtsamkeit, also der vollen Konzentration auf das Hier und Jetzt. Doch das ist nicht so einfach, wie es sich anhört, sind wir doch ständig in unseren eigenen Sehnsüchten, Sorgen und Fantasien gefangen. Sie sind es, die uns oft unzufrieden werden lassen. Und weil wir es nicht gewohnt sind, im Augenblick, sondern vielmehr in unseren Gedanken zu leben, müssen wir üben, achtsam zu sein. Doch wie geht das? James Baraz empfiehlt: “Nehmen Sie sich täglich fünf Minuten Zeit, um nichts zu tun als still zu sitzen und wahrzunehmen, was in Ihrem Inneren vorgeht. Dadurch lernt der Geist, sich besser zu konzentrieren und mehr präsent zu sein.” Statt sich in herumschwirrenden Gedanken zu verfangen, sollte man ihnen einfach zuschauen – und sie vorbeiziehen lassen wie Wolken am Himmel.

Je öfter wir versuchen, unseren Geist zu beruhigen und ganz präsent zu sein, um so mehr beginnen wir den einen Augenblick, in dem wir leben, zu schätzen und dankbar dafür zu sein. Wir riechen, schmecken und genießen ganz bewusst wieder all das, was sonst in unserem Drang zum Multitasking oft untergeht. Indem wir uns dazu bringen, eben nicht mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, sondern in aller Ruhe eins nach dem anderen tun.

Die Freude am Loslassen

Mehr Lebensfreude durch LoslassenEine weitere Methode für mehr Lebensfreude ist zu unterscheiden: Was will ich – und was brauche ich wirklich? Immer wenn wir uns von innerem Ballast lösen, ist das ein sicherer Weg zu mehr Freude. Das können vertraute Gegenstände in unserer Wohnung sein, die einmal eine bestimmte Bedeutung für uns hatten, uns aber heute unnötig in der Vergangenheit verharren lassen. Das können aber auch Vorstellungen vom eigenen Leben sein, denen wir uns einstmals verschrieben hatten, die heute aber längst nicht mehr wichtig für uns sind. Und schließlich können das auch Beziehungen sein, an denen wir aus purer Gewohnheit hängen, auf die wir heute aber nicht mehr angewiesen sind.

Wenn wir aufhören, uns an Menschen, Gegenstände oder Gedanken zu klammern, die im Grunde genommen nicht mehr wichtig sind, dann beginnen wir, uns wieder dem Fluss des Lebens hinzugeben. “Lässt man die Vorstellung los, die Welt sollte sich in einem bestimmten Zustand befinden, öffnet man sich der Tatsache, dass es meist eine ganze Reihe von Optionen gibt, an die man gar nicht gedacht hat”, schreibt James Baraz. Und wenn wir uns dieser neuen Optionen für unser Leben bewusst werden, ist das ein Grund zur Freude.

Wenn wir erkennen, dass wir selbst und unser eigenes Dasein der größte Anlass für eine immerwährende Freude sind, dann ist diese Freude eine Kraft, die täglich zu unserem Wohlbefinden beiträgt. Eine Kraft, die uns das Leben von der besten Seite anschauen lässt, die uns Selbstvertrauen schenkt und beflügelt. Der Amerikaner Guy Armstrong beschreibt die Fähigkeit zur Freude so:

“Wir müssen nichts Besonderes tun. Vielmehr ist unser natürliches Glück direkt vor uns, wenn wir aufhören, danach zu streben. Unser Wesen ist im Grunde friedvoll, und dieser Frieden bringt eine Art Freude mit sich. Um ihn zu finden, müssen wir nur damit aufhören, ihn zu stören.”

Buchtipp: James Baraz / Soshana Alexander: “Freude”. Nymphenburger, 22,95 Euro

PartnerlogoWH, gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitschrift bewusster leben. Fotos: glückliches Paar © detailblick – Fotolia.com, selbstbewusste Frau © Yuri Arcurs – Fotolia.com, älterer Herr © Scott Griessel – Fotolia.com, achtsamer junger Mann © Beboy – Fotolia.com, Frau am Meer © yo camon – Fotolia.com

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