Flashmob “Armes Hamburg”
Bereits vor der Durchführung unseres Flashmobs am Samstag, den 2. Juli 2011 erhitzt die Thematik die Gemüter. Die allermeisten freuen sich darüber, endlich ein Zeichen setzen zu können. Doch dann sind da auch die Fragen: Wie geht es danach weiter? Ein paar Gedanken dazu…
Flashmob “Armes Hamburg”
Was tun gegen Obdachlosigkeit?
Flashmob: Am Samstag, den 2. Juli 2011 treffen wir uns um 13 Uhr vor dem Alsterpavillon am Jungfernstieg. Wir bringen Decken und/oder Schlafsäcke mit und setzen uns zusammen hin, um mit einer riesigen Menschenmenge “Platte zu machen” (zu betteln). Auch Pappschilder und Sammelbüchsen oder -Hüte sind willkommen. Nach 15 Minuten, um Punkt 13:15 Uhr springen wir alle gleichzeitig auf und rennen zu den am Platz stehenden Hinz&Kunzt-Verkäufern und kaufen alle Zeitschriften weg! Warum? Weil viel zu wenig getan wird in dieser reichen Stadt. Stattdessen sollen nun auch noch Obdachlose von ihrem Schlafplatz unter der Bismarck-Brücke vertrieben werden. Es reicht! Wir wollen Solidarität zeigen und ein neues Bewusstsein wecken. Kommt Dir die folgende Szene bekannt vor?
Ein Mann besteigt die U-Bahn. Höflich bittet er die anderen Fahrgäste um etwas Wasser oder eine Kleinigkeit zu essen. Doch seine Mitfahrer verdrehen nur genervt die Augen, eine Frau stöhnt laut: “Nicht schon wieder.” An der nächsten Haltestelle steigt der Mann wieder aus, immer noch hungrig und durstig. Die Frau, die sich gerade beschwert hat, packt nacheinander eine Tüte Lakritze und eine Tüte Joghurt-Gums aus und bietet sie den anderen Fahrgästen an. “Will jemand?” fragt sie vergnügt in die Runde.
Was ist los mit uns? Sind Menschen, die ärmer sind als wir etwa nicht wert, dass man etwas mit ihnen teilt? Etwas, das man ohnehin nicht alleine verbrauchen kann oder möchte? Warum bieten wir es lieber Menschen an, die ohnehin mehr als genug haben? Um ein neues Bewusstsein für dieses Thema zu entfachen, planen wir den Flashmob gegen Obdachlosigkeit.
Auf Facebook wird er schon heiß diskutiert. „Das Zusammenprallen von Arm und Reich war das erste, was mir aufgefallen ist, als ich nach Hamburg zog – und es hat mich anfangs ziemlich schockiert“, schreibt z.B. Ilona Koglin. „Gut, dass wir nun gemeinsam darauf aufmerksam machen. Ich hoffe bloß, die Aktion führt zu mehr als nur einem guten Gewissen und Spaß.“ Das hoffen wir auch. Deshalb wollen wir in den kommenden Wochen Lösungsansätze entwickeln und voran treiben.
Eric Schneider, Creative Director des „Youth Leader Magazine“ schlägt auf Facebook einen sogenannten Sandwichrun vor, wie er schon in Toronto, Kanada praktiziert wird. Eine Gruppe Freiwilliger schnappt sich je 10 oder noch mehr Lunch-Pakete mit nahrhaftem, gesunden Inhalt. Diese werden an die Obdachlosen verteilt. Hast Du Lust, ein solches Projekt mit uns zu planen und durchzuführen? Melde Dich unter proj...@weeyoo.de.
Jesse James schreibt auf unserer Pinnwand: “Viele der sogenannten “Armen” auf der Straße haben ein Suchtproblem oder sind psychisch angeknackst. Dadurch haben sie die Wohnung verloren und ggf. auch Sanktionen vom Amt bekommen. Natürlich ist das traurig. Jedoch ist es bei uns in Deutschland so, dass keiner arm leben muss! Das Versorgungssystem ist umfangreich und es gibt auch genug Hilfsangebote. Viele Leute können und wollen nur nicht mehr.”
Ist man selbst schuld, wenn man nicht mehr kann oder nicht mehr will? Wir glauben nein. Denn es gibt Momente, in denen das Leben einem so übel mitspielt, dass jeder von uns seine Kraft und seinen Glauben verlieren würde. Das geht nicht nur ohnehin psychisch Labilen so. Auf den Straßen Hamburgs – und vermutlich überall – leben Menschen mit tausend verschiedenen Vergangenheiten. Auch ehemalige Highflyer-Karriereleute sind dabei. Wenn man einmal zusammenbricht und aufgibt, wird man die Erfahrung machen, auf einmal zum Fußabtreter der Gesellschaft zu werden. Auf einmal wird nur noch die Nase gerümpft, wenn andere einen überhaupt noch sehen und nicht demonstrativ weggucken. Ein Ziel unseres Flashmobs ist es zu signalisieren: Wir wissen, dass Obdachlosigkeit jeden von uns treffen kann. Wir solidarisieren uns mit denen, die es gerade getroffen hat. Und wir begegnen Ihnen voll Liebe, Respekt und Mitgefühl. Denn möglicherweise ist das der Schlüssel, um Menschen wieder aufzubauen. Ihnen Zeit, Interesse und moralische Unterstützung anzubieten. So dass sie sich irgendwann wieder bereit fühlen, Hilfsangebote überhaupt wahrzunehmen.
Der Hinz&Kunzt-Verkäufer Erich Heeder hat im persönlichen Gespräch darauf hingewiesen, dass ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft darin bestehe: “dass sich niemand mehr für den anderen interessiert”. Hat er recht? Oder liegt die Untätigkeit der Gesellschaft einfach daran, dass keiner genau weiß, wie’s besser geht? Hast Du eine Idee, was genau getan werden müsste? Dann schreib uns unter smi...@weeyoo.de oder hinterlasse hier einen Kommentar. Vielen Dank!
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Eine Kommentar zu Flashmob “Armes Hamburg”
Es gibt ein tolles Projekt namens “Hometown Glory” das u.a. Projekte gemeinsam mit Obdachlosen anbietet. Die Organisatorin meint, dass die Hemmschwelle der meisten unglaublich hoch ist – man ist schlicht unsicher, wie man sich diesen Menschen gegenüber verhalten soll… Ich denke, das ist ganz normal, aber man sollte sich das eingestehen und dann eben auch mal über seinen Schatten springen. Auch herablassende Haltungen haben IMHO oft mit so einer Unsicherheit zu tun.