Japanischer Atomausstieg in Rekordzeit
Japan hat das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet. Ein Atomausstieg in Rekordzeit – der Politik, Unternehmen und Bevölkerung spaltet.
Japanischer Atomausstieg in Rekordzeit
Tokio / Hamburg 07.05.2012. In Japan ist auch das letzte der 54 Atomkraftwerke vom Netz genommen wurden. Ein Atomausstieg in Rekordzeit – der Politik, Unternehmen und Bevölkerung spaltet. Nach über 40 Jahren ist Japan nun ein Land ohne Atomstrom.
Shut down
Am ersten Mai Wochenende 2012 wurde mit dem Abschalten des Kraftwerks in Tomari ein historisches Datum geschrieben. Innerhalb von 14 Monaten nach der Nuklearkatastrophe am 11.März 2011 in Fukushima, hat Japan den wohl schnellsten aber auch radikalsten Atomausstieg der Welt vollzogen. Immerhin haben die japanischen Atomkraftwerke bisher ca. 26 Prozent des Strombedarfs mit einer Gesamtleistung von rund 50.000 Megawatt abgedeckt. Anders als in Europa, wo Strom ggf. über andere Länder eingekauft werden kann, kann Japan aufgrund seiner geographischen Insellage sowie fehlender Leitungsnetze zum Festland kein Strom importieren und ist vollkommen auf die eigene Stromerzeugung angewiesen. Ersatzkraftwerke für Öl, Gas und Kohle laufen jetzt auf Hochtouren in Japan. Mega Solarkraftwerke sind in der Planung um den Energieengpass in der Zukunft besser kompensieren zu können.
Kritische Stimmen
So beispiellos dieser Schnellausstieg aus der Atomkraft in Japan auch ist, die Energiewende hat auch eine Kehrseite – denn die derzeitigen Folgen für die Energieversorgung in Japan sind immens. Dringend gebrauchte Reparaturen an den Ersatzkraftwerken müssen verschoben werden, damit ja „das Licht“ im Land der aufgehenden Sonne nicht ausgeht. So wird schätzungsweise in Japan der CO2 Ausstoß durch die Dauerbelastung der Öl, Gas und Kohle Kraftwerke im diesem Jahr um ca. 5,5 Prozent steigen.
Auch die Sicherheitslage der 54 Atomkraftwerke ist nach dem Abschalten weiterhin bedenklich, da sie aufgrund von Stresstests und Wartungsarbeiten bereits in den letzten Monaten nacheinander vom Netz genommen wurden. Insgesamt dauert ein Abschaltprozess in einem AKW zwischen 30 und 40 Jahre. Für die Menschen bleibt also die Lage in Japan weiterhin bedrohlich. Ob einzelne Reaktoren wieder ans Netz gehen werden ist fraglich und bedarf der Zustimmung der lokalen Regierungen, die sich einerseits – was erfreulich ist – nach dem Super Gau in Fukushima um die Sicherheit der eigenen Bevölkerung sorgt, aber wiederrum die aktuelle Sicherheitslage in den „ruhenden“ Kraftwerken und einen erneuten Reaktorunfall nicht umbedingt priorisiert.
Politik und Industrie
Bei der erneuten Inbetriebnahme der Atommeiler spielt das Wirtschaftswachstum für die Politik und Industrie eine große Rolle. Laut Berechnungen des staatlichen Instituts für Energieökonomie würde der dauerhafte Atomausstieg einem Stillstand der japanischen Volkswirtschaft gleich kommen. Selbst wenn die Hälfte der Atommeiler bis zum Sommer wieder ans Netz gehen, würde die Volkswirtschaft in Japan nur um ca. 2 Prozent wachsen. Stimmen sprechen von „Deindustriealisierung“ und „Massenmord“, wenn Japan weiterhin seinen Kurs beim Atomausstieg beibehalten sollte. Diese Aussagen sind nicht ganz verwunderlich, denn den weltweit radikalsten Ausstieg bekommen Japans Unternehmen tagtäglich zu spüren.
Für den Betrieb der Ersatzkraftwerke müssen die Stromversorger teure Ersatzbrennstoffe einkaufen, stehen explodierenden Kostenstrukturen gegenüber und laufen Gefahr finanziell ins Fiasko abzurutschen. Bereits jetzt hat der Stromversorger des Unglücksreaktors in Fukushima, Tokyo Electric Power Company (Tepco), die Regierung um eine Finanzspritze in Milliardenhöhe gebeten. Und ohne ausreichenden Strom hat auch die produzierende Industrie in Japan schwer mit dem Energiemangel zu kämpfen. Zudem steigt der Strompreis in Japan derzeitig rasch in die Höhe, was gerade kleine und mittelständische Unternehmen in Existenznöte bringt. Denn durch die in der Vergangenheit vereinbarten Preiseabsprachen und die regionalen Strommonopole, stand das Wort „sparen“ bis zum Super Gau nicht im ABC der Stromversorger.
Es besteht Unklarheit und Diskussionsbedarf in Japan darüber, wie denn genau eine zukünftige umweltfreundliche Politik zur Energiegewinnung aussehen bzw. auch praktisch umgesetzt werden kann. Die Nachfrage an Energie besteht weiterhin, zudem hat der GAU in Fukushima die Menschen sensibilisiert. In der übrigen Wirtschaft stößt das Bedenken der Bevölkerung zur Wiederaufnahme der Atomkraft auf großes Verständnis. Eine Umfrage Mitte April zeigte, dass zwar zwei Drittel der Unternehmen eine Beeinträchtigung Ihres Geschäftsumfelds durch die Energiewende befürchten, aber ebenso verlangen zwei Drittel der Unternehmen Sicherheitsstandards bei einer erneuten Inbetriebnahme der Atomanlagen.
Ein gutes Beispiel
Dennoch bleibt der radikale Atomausstieg in Japan ein gutes Beispiel dafür, wie schnell eine Industrienation im Bedarfsfall seine Atomreaktoren abschalten kann. Im Vergleich zu Deutschland waren vor der Energiewende 17 Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 21.500 Megawatt in Betrieb. Heutzutage laufen noch neun Atommeiler und speisen eine Gesamtleistung von 12.700 Megawatt ins deutsche Stromnetz.
In der Summe wurden seit der Energiewende in Deutschland gerade mal 8.800 Megawatt Atomenergie abgeschaltet. Die Debatten um einen langsamen Atomausstieg, die angebliche Stromknappheit in Deutschland mit gleichzeitigen hohen Stromexport nach Frankreich, die Befürchtungen und die Ängste der Bevölkerung zur Atomenergie und einen möglichen Reaktorunfall, zeigen dass Japan im Vergleich zu Deutschland aufgrund der aktuellen Situation ein großer Schritt mit einer weltrekordartigen Geschwindigkeit in eine atomkraftlose Zukunft gelungen ist – wenn vielleicht auch nur vorübergehend.
SLH, Foto’s Fotolia.com: Fukushima 3D © ThorstenSchmitt
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