Konflikte sinnvoll lösen – Was das neue Mediationsgesetz bringt

Um die Gerichte zu entlasten, wird in Deutschland voraussichtlich noch im Frühjahr 2012 das Mediationsgesetz in Kraft treten, sobald es den Bundesrat passiert hat. Gefördert werden sollen damit die Mediation und andere Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung. Wie das funktioniert…

Konflikte sinnvoll lösen

Was das neue Mediationsgesetz bringt

Mediator

Von Herbert Hofmann, Zertifizierter Mediator und Systemischer Coach

“Du musst dich als Vater erst bewähren”, antwortete Martha Hohlbein* genervt auf Joachim Brandstetters gebetsmühlenartig wiederholte Frage, ob sie dem gemeinsamen Sorgerecht für ihre Kinder Sophia und Luis endlich zustimmen würde. Seit Jahren rangen die beiden bereits um dieses Thema, ungeachtet der Tatsache, dass sie eine Regelung für die Betreuung ihrer schulpflichtigen Kinder schon längst gefunden hatten. Vier Tage in der Woche lebten die Kinder bei der Mutter und an drei Tagen waren sie beim Vater, der zudem regelmäßig Unterhalt für Sophia und Luis zahlte. Er empfand die Haltung von Martha Hohlbein als letztes Machtmittel, das sie angesichts der gescheiterten Partnerschaft nicht aus der Hand geben wollte. Vor Gericht den Streit ausfechten war für den Vater aber keine Alternative, da er fürchtete, sich und seine Kinder in einen Konflikt mit ungewissem Ausgang und hohen finanziellen Belastungen zu verstricken.                

Als dann der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Ende 2009 entschied, dass die deutsche Sorgerechtsregelung ledige Väter diskriminiert und der deutsche Gesetzgeber hier Abhilfe schaffen müsse, wagte Joachim Brandstetter einen erneuten Vorstoß bei der Mutter seiner Kinder. Er argumentierte, dass es doch nur gerecht sei, das Sorgerecht zu teilen, wenn die Kinder von beiden Elternteilen aufgezogen werden. Martha Hohlbein hielt den Kindsvater ein weiteres Jahr hin, bis sie als Bedingung für ihre Entscheidung eine Mediation beim Jugendamt vorschlug. Nach einiger Überlegung stimmte Joachim Brandstetter dieser Art der Konfliktbearbeitung zu. Was dann geschah, sollte die Kontrahenten verblüffen.

Als das Eis bricht

Mediatorin Silvia Wetzel aus Bremen

Mediatorin Silvia Wetzel aus Bremen strukturiert am Flip-Chart ein Konfliktlösungsgespräch

In jeweils einem Einzelgespräch bereitete die vom Jugendamt bestellte Mediatorin Mutter und Vater auf die gemeinsame Sitzung vor und befragte sie nach ihren Interessen. In der Mediation konnten Mutter und Vater am runden Tisch nochmals darlegen, was ihnen zur Frage des Sorgerechts wichtig war. Als Martha Hohlbein unter Tränen mitteilte, dass sie einfach nur mal in ihrer Rolle als Mutter anerkannt werden wolle, war das Eis gebrochen. Joachim Brandstetter verstand in dieser Phase der Mediation plötzlich, dass sie ihm das gemeinsame Sorgerecht deswegen versagte, weil er ihr niemals gesagt oder anders zu verstehen gegeben hatte, wie sehr er ihre Fürsorge und Arbeit für die Kinder sehen und würdigen würde. Umgekehrt ging es Martha Hohlbein genauso: Sie sah ein, dass sie ständig Anklagen erhoben und Forderungen gestellt hatte, und gar nicht bemerkte, was der Vater alles für die Kinder tat. „Wie wäre es”, fragte die Mediatorin, „wenn Sie sich jetzt einfach einmal sagen würden, dass Sie sich gegenseitig als Eltern schätzen?” Martha Hohlbein und Joachim Brandstetter folgten dieser Aufforderung…

Berührende Szene

Nach dieser berührenden Szene und der Besprechung einiger Ängste und Details hinsichtlich der Alltagsgestaltung stand der Erklärung des gemeinsamen Sorgerechts nichts mehr im Wege. Jahre voller Auseinandersetzung, Streit, Spannungen und schlechten Gefühlen hatten in einigen Stunden Mediation ihr Ende gefunden. Die Eltern und vor allem die Kinder profitieren bis heute davon. Entstanden ist ein neues Verständnis füreinander, das den Weg für einen respektvolleren Umgang und die konstruktive Lösung des Konfliktes ebnete. „Es gibt sehr produktive und spannende Phasen in der Mediation, und es beeindruckt mich immer wieder, wie zufrieden die Konfliktbeteiligten wirken, wenn sie sich erfolgreich für ihre Interessen eingesetzt und einen Konsens erreicht haben”, sagt die Mediatorin und Paarberaterin Ute Schultze aus Bad Segeberg. Sie ist zusammen mit sechs anderen Mediatoren, Coaches und Beratern Mitglied bei Mediation Holsteinische Schweiz. „Für fast alle Fälle stehen die Experten aus unserem Netzwerk als Ansprechpartner für die Bevölkerung zwischen Lübeck und Kiel zur Verfügung”, erklärt Mediator Thomas Meissner aus Dersau, „so dass bei schwierigen Situationen im Alltag schnell erste Hilfe geleistet werden kann.” Ähnlich wie in der Holsteinischen Schweiz vernetzen sich Mediatoren in ganz Deutschland in Gruppen und Verbänden, um Streitigkeiten kompetent begleiten zu können.

Mediation heißt unparteiische Vermittlung

Konfliktvermittler

Helfen ihren Klienten bei Wind und Wetter: die zertifizierten Konfliktvermittler von Mediation Holsteinische Schweiz

Der Begriff „Mediation“ hat sowohl einen griechischen (medos = vermittelnd, unparteiisch, neutral) als auch einen lateinischen (mediatio = Vermittlung) Ursprung. Er bedeutet, zwischen zwei Ansichten oder Parteien die Mitte haltend, einen Mittelweg einschlagend, sich neutral, unparteiisch verhaltend. Seit Ende der 70er-Jahre gewinnt die Mediation auch im deutschsprachigen Raum zunehmend an Bedeutung. Ausgehend von der Überlegung, dass jeder Mensch für sich die besten Lösungen kennt, hilft der Mediator den Konfliktpartnern behutsam dabei, ihre Bedürfnisse zu erkunden, die meistens hinter den festgefahrenen Positionen stehen. In Deutschland wurde die Mediation zunächst überwiegend zur Vermittlung in Familien- und Scheidungskonflikten eingesetzt. Heute zeigt die Mediation als Methode zur Konfliktlösung in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens ungeahnte Erfolge.

Schon die alten Germanen wussten, dass es für ihre Gemeinschaft besser ist, Konflikte friedlich beizulegen. Sie trafen sich auf dem Thingplatz, um ihre Probleme vorzutragen und mit Hilfe eines anerkannten und akzeptierten Vermittlers für alle Beteiligten vorteilhaft zu lösen. Mediation ist ein Streitlösungsverfahren, in dem die Konfliktpartner selbstbestimmt verbindliche Lösungen finden. Hierbei werden sie von einem neutralen, fundiert ausgebildeten Mittler, dem Mediator, unterstützt. Die Erfolgsquote einer Mediation beträgt bis zu 81 Prozent, wie eine Auswertung des Modellprojekts „Gerichtsnahe Mediation in Niedersachsen“ im Jahr 2005 ergab.

Argumente für die Mediation

Mediation ist auf friedliche Konfliktlösung ausgelegt

Mediation ist nicht nur bei Scheidungen hilfreich, sondern auch z.B. bei Nachbarschaftskonflikten

Viele Argumente sprechen für eine Mediation. Die Konfliktparteien können durch das einfache Verfahren Zeit und Geld sparen. Auch bestimmen sie einvernehmlich die Ergebnisse und erhalten so bestehende Beziehungen in Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und in der Firma. Gemeinsam erarbeiten die Medianten eine Lösung für eine positive Zukunft. Sie unterschreiben am Ende des Einigungsprozesses eine Abschlussvereinbarung, die Bestand hat. „Mediation hilft gegen große Aktenstapel, teure Prozesse und ungewisse Gerichtsurteile”, erklärt Mediator und Rechtsanwalt Immo Porsche aus Trappenkamp vom Netzwerk Mediation Holsteinische Schweiz. Seine Frau Kathrin Porsche ergänzt: „Schon fazinierend, wie Mediation auch alte Konflikte klärt und die Lebensqualität verbessert.”

Davon können auch die beiden 80-jährigen Nachbarn berichten, die sich vier Jahre lang so sehr gestritten hatten, dass schon ihre Familien und das halbe Dorf in die Auseinandersetzung verwickelt waren. Auch Anwälte konnten den Streit nicht befrieden. Vordergründig ging es um Pflanzen, die über den Zaun wuchsen. Bei einer Mediation kam ans Licht, dass sich die Kontrahenten vor Jahren bei der Klärung einer Wasserfrage missverstanden und bei einem darauf folgenden Streit sehr gekränkt hatten. Als sie dies erkannten, entschuldigten sie sich gegenseitig noch am Tisch des Mediators. Bei der feierlichen Unterzeichnung der daraufhin gefundenen Vereinbarung, bei der auch die Ehefrauen der Konfliktpartner anwesend waren, kam es erstmals seit Jahren wieder so wie früher zu einem Plausch über ihre Kinder und darüber, was in den durch den Streit „verlorenen“ Jahren alles geschehen war.

Klar strukturiertes Verfahren

Die Mediation ist ein klar strukturiertes Verfahren. Ziel der Mediation ist es, für alle Beteiligten vorteilhafte Lösungen zu finden. Das heißt, Konflikte werden gemeinsam bearbeitet, wobei die Konfliktparteien für die Inhalte und das Ergebnis der Mediation verantwortlich sind und der Mediator für den Prozess, den ordnungsgemäßen Ablauf. In der Regel bedarf eine Mediation einiger Sitzungen, in denen sechs Phasen – manche Mediatoren arbeiten auch mit fünf Phasen – durchlaufen werden. „Mediation ist ein kommunikatives Kunsthandwerk, das festgefahrene Konflikte in eine neue, bewegliche und bearbeitbare Form bringt” beschreibt Mediator Heiko Frerichs aus Lübeck-Travemünde seine Arbeit.

Streit basiert häufig auf unterschiedlichen Wahrnehmungen, Missverständnissen oder – oft nur vermeintlich – verschiedenen Interessen. Vielfach wissen die Betroffenen nicht, wie sie ihren Konflikt lösen können. Es bleibt dann scheinbar nur der Gang zum Anwalt oder der Gerichtsstreit, womit die Kontrahenten die Kontrolle über das Verfahren und dessen Ausgang weitgehend aus der Hand geben. Das ist zeitaufwändig, teuer und nervenaufreibend. Bisweilen ist eine Mediation das geeignetere Mittel der Wahl.

Gesetz fördert Mediation

Händeschütteln

Mediation hilft Zeit und Geld zu sparen und schont die Nerven

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt. Einer Richtlinie des Europäischen Parlaments folgend und um die Gerichte zu entlasten, ist in Deutschland am 26. Juli 2012 das neue Mediationsgesetz in Kraft getreten. Gefördert werden sollen damit die Mediation und andere Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung. Fraglich ist, ob dieses Ziel umfänglich mit dem neuen Gesetz erreicht werden kann: Beispielsweise ist darin keine Mediationskostenhilfe vorgesehen, während weiterhin Prozesskostenhilfe gewährt wird.

Allerdings unterscheidet das Gesetz dann zwischen „Mediatoren” und „Zertifizierten Mediatoren”, die mindestens 120 Stunden Ausbildung nachweisen müssen. Kunden bekommen damit einen Maßstab an die Hand, einen qualifizierten Mediator, der dann auch zur Verschwiegenheit verpflichtet ist, zur Klärung ihrer Konflikte zu finden. So gesehen begrüßt der Mediator und Volljurist Arndt Wellm aus Heikendorf das neue Gesetz. Es schafft einen sicheren und zeitgemäßen Rahmen für selbstbestimmte Konfliktlösungen auch abseits althergebrachter Institutionen. Er sagt: „Viele Menschen sind sich gar nicht darüber bewusst, dass die gesetzliche Konzeption in Deutschland grundsätzlich von der Regelungsbefugnis des Einzelnen im zivilrechtlichen Bereich ausgeht, der sogenannten Parteiherrschaft. Das heißt, die Menschen können, sollen und dürfen ihr privatrechtliches Leben selbst bestimmen und gestalten. Die Gerichte sollen hier nur im Extremfall entscheiden. “Daher ist”, so Wellm, „die Mediation die Überwindung der Furcht vor der Freiheit.”

* Namen der Medianten und der Kinder von der Redaktion geändert.

Der Autor Herbert Hofmann lebt und arbeitet als Freier Journalist, Zertifizierter Mediator und Systemischer Coach in Pohnsdorf-Sieversdorf nahe Kiel sowie bundesweit als Dozent. Umfassende Ressourcen zum Thema „Mediation” sowie weiterführende Links hat er auf seiner Website www.mediator-online.com zusammengetragen. 

 Fotos: Schiedsrichter mit streitenden Nachbarn © Blend Images – Fotolia.com, Hofmann © Eduard Raab,  Mediation im Betrieb  © Rosa Licht,  Mediation Holsteinische Schweiz  © Dorothée Meissner, Händeschütteln © nyul – Fotolia.com

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