Konformität – wem gehört mein Leben?
“I did it my way” sang Frank Sinatra einst und wir schwofen und singen mit. Doch Hand aufs Herz: Wie oft tun wir etwas wirklich auf unsere ureigenste Art und Weise? Und wie oft leben wir einfach nur Variationen der Fremdbestimmtheit? Über (un-)bewusste Anpassung und rücksichtsvollen Individualismus…
Konformität
Wem gehört mein Leben?
“I did it my way” sang Frank Sinatra einst und wir schwofen und singen mit. Doch Hand aufs Herz: Wie oft tun wir etwas wirklich auf unsere ureigenste Art und Weise? Und wie oft leben wir einfach nur Variationen der Fremdbestimmtheit?
Bleiben wir noch einen Moment lang bei der Musik. “Mach das Lied zu Deinem eigenen”, wird Kandidaten in unzähligen langatmigen Castingshows dieser Tage geraten. Und genau hier lugt verräterisch die eigentliche Wahrheit unserer Zeit hervor: Wir dürfen uns frei bewegen – innerhalb der Grenzen unseres Zwangskorsetts, das uns von außen aufoktroyiert wird. Oder wie oft hört man dort: “Mach Dein eigenes Lied”?!
Innerhalb bestimmter Vorgaben haben wir unendliche Bewegungsfreiheit. Wir dürfen entscheiden, ob wir blaue, rote oder weiße T-Shirts kaufen. In welcher Disco wir uns abends die Birne zuknallen. Ob wir am Ende unseres Lebens lieber ein traditionelles oder modernes Begräbnis haben wollen – wie uns derzeit die Hamburger U-Bahn-Werbung wieder erinnert. Und was ist mit dem Rest?
Sei glücklich, aber nicht zu glücklich
Der freie Ausdruck der eigenen Person ist nicht selten unerwünscht, insbesondere wenn es sich dabei um unausstehliche Mengen des Glücks handelt, die jemand ausstrahlt. Es gibt wenig, das so viel Misstrauen und Anti-Reaktionen hervorruft, wie das Zurschaustellen einer inneren Zufriedenheit mit sich selbst. Sei es das Singen im Treppenhaus, zu lautes Lachen im Restaurant oder auch Tanzen an einem öffentlichen Ort, wofür fünf Menschen im Frühjahr dieses Jahres gewaltsam festgenommen wurden:
In der Regel werden wir für freie Meinungsäußerung oder das Ausleben unserer Persönlichkeit nicht gleich mit Handschellen abgeführt. Es reichen schon die kleinen Reaktionen, um uns das Fürchten zu lehren: die hochgezogene Augenbraue, das peinlich berührte Räuspern, das Abwenden von einem Gespräch. Es gibt nur wenig, was uns so zum Zittern bringt wie die Ablehnung unserer eigenen Person. Oder auch nur die Möglichkeit. Und um Gruppenzugehörigkeit und Akzeptanz zu wahren, sind wir bereit eine ganze Menge aufzugeben.
Eigenständiges Denken vs. Gruppenmeinung
Es gibt einen Klassiker in der psychologischen Forschung: das Konformitätsexperiment von Asch. Die Versuchsteilnehmer sollten aus drei Linien eine auswählen, deren Länge einer Referenzlinie glich. Die Aufgabe war so einfach, dass es so gut wie keine Fehler gab. Bis die vom Versuchsleiter gestellten Schauspieler hinzukamen. Sie tippten auf offensichtlich falsche Linien. Die Folge des Gruppenzwangs: eine Fehlerquote der Testperson von 37 Prozent. Viele der Versuchspersonen schienen ihrem eigenen Verstand nicht mehr zu trauen. Oder fühlten sich aus anderen Gründen dazu bewogen, die offensichtlich falsche Meinung der Gruppe wiederzugeben.
Asch geht davon aus, dass eine Verzerrung auf drei verschiedenen Ebenen stattfinden kann: Auf der Handlungsebene glaubt das Individuum, die Gruppe sei im Unrecht, passt sich aber trotzdem an – entgegen der eigenen Überzeugung. Je wichtiger uns die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist, desto höher ist unsere Bereitschaft zur Konformität, auch gegen unsere Überzeugungen. Es ist wohl das alte Schulhofs-Phänomen: Da wird der unbeliebte Mitschüler von einer Gruppe geschubst und gehänselt, obwohl die wenigsten ihn wirklich verabscheuen. Aber sie laufen mit, unter der Führung eines oder zwei aggressiver Individuen. Schade: Auch im Erwachsenenalter verhalten sich viele noch so, wenn auch – meist – subtiler.
Auf der zweiten Ebene kann es laut Psychologe Asch dazu kommen, dass das Individuum seinem Urteil nicht traut, wenn genügend andere Personen (in einer Versuchssituation reichen in der Regel schon vier) etwas Gegenteiliges behaupten. Auf der dritten und tiefgreifendsten Ebene verändert sich die Wahrnehmung des Individuums, so dass es wirklich glaubt, das (offensichtlich falsche) Urteil der Gruppe als korrekt zu erkennen. Wie kann es soweit kommen? Ist Gehirnwäsche etwa so einfach?
Gründe suchen, warum es stimmen muss
Konformität der Gedanken kann verschiedene Ursachen haben. Werden wir z.B. gezwungen etwas zu tun, was eigentlich gegen unsere Überzeugungen verstößt, entsteht eine sogenannte kognitive Dissonanz. Unser Gehirn ist gestresst, weil Teile in ihm einfach nicht zusammenpassen. Das Gehirn verfolgt aber in allem was wir tun ein übergeordnetes Ziel: Kohärenz. Was wir tun und was wir glauben, muss stimmig sein. Ist es das nicht, wird es stimmig gemacht. Der Verstand sucht dann nach Gründen, Ausreden, komplexen bis wirren Erklärungen, warum es richtig ist, was wir tun. Bis es etwas gefunden hat, das Sinn zu machen scheint. Und wir unsere Meinung ändern.
Meinungsbildung durch die Medien
Eine andere Art, uns schnell an unserem Verstand zweifeln zu lassen: Wenn eine Autorität etwas behauptet. Das kann z.B. ein allgemein anerkanntes Medium (TV-Sender, große Zeitung) sein, das eine bestimmte Nachricht verkündet. Am effektivsten läuft es in der Kombination mit einem Experten-Interview. Wird uns etwas als Meinung eines Experten präsentiert, neigen wir eher dazu, diese fraglos zu akzeptieren. Er wird’s schon wissen, denken wir uns, schließlich ist er ja so gebildet.
Wichtig zu wissen: Viele “Experten” in den Medien äußern sich auch zu Bereichen, in denen sie genauso wenig Ahnung haben wie jeder andere relative Laie (also wir) auch. Noch immer flößt uns der Titel “Doktor” oder gar “Professor” Hochachtung ein. Zu Recht, wenn es um sein kleines, fein säuberlich abgegrenztes Fachgebiet geht. Doch wahre Interdisziplinarität wird an Hochschulen noch viel zu wenig gelebt, als dass man hinter einem Professor einen Allwissenden vermuten sollte. Und selbst wenn es um sein Fachgebiet geht! Wahre Wissenschaft geht darum, Thesen in Frage zu stellen und nach anderen Erklärungsmöglichkeiten zu suchen. Dadurch werden Theorien bestenfalls immer ausgefeilter, manchmal müssen sie hingegen verworfen werden. Doch Fragen zu stellen und eigene Thesen in den Raum zu werfen – das ist das Recht eines jeden Menschen, mit und ohne akademischen Titel, solange er dabei Respekt und Diskussionsbereitschaft wahrt.
Verlust der Individualität durch den Kapitalismus?
Diese Überschrift klingt zunächst nach einem Paradox. Haben wir nicht gerade durch den Kapitalismus scheinbar unbegrenzte Wahlmöglichkeiten, können uns alle ein ganz individuelles Lebenskonzept zusammenschustern, jenseits von überkommenen Traditionen und Verhaltensregeln? Einerseits schon. Andererseits, so argumentiert der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem “Die Kunst des Liebes” von 1956, mache der Kapitalismus die Menschen austauschbar. Maßgeblich beteiligt sei die Arbeitsteilung. Sie führe zum Verlust der Individualität und der Ganzheit des Menschen. Man vergleiche: Einen Menschen, der einen Stuhl in liebevoller Handarbeit und mit Detailfreude herstellt, ihn vielleicht sogar hübsch bemalt – und einen Menschen, der in der Fabrik eines großen Möbelhauses 373 Stuhlbeine pro Tag an einen vorgefertigten Sitz schraubt. Welcher von ihnen lebt mehr Individualität? Wer kann sich mehr ausdrücken und wer empfindet mehr Befriedigung beim Anblick seines fertigen Produktes?
Zu keiner Zeit des Jahres wird der erzwungene Konformismus durch den Kapitalismus spürbarer als zu Weihnachten. Verzweifelt, gestresst und missmutig schlittern wir durch die Straßen, um Geld auszugeben, das wir eigentlich nicht haben – Strom-, Gas- und sonstige Betriebskostenabrechnung sei Dank. “Ich muss noch was für Papa finden” – dieser Satz kann uns wochenlang beschäftigen und in Atem halten. Obwohl Papa doch schon alles hat, was man sich wünschen kann und wenn etwas Neues auf den Markt käme, könnte er es sich im Handumdrehen selbst kaufen. “Aber ich MUSS…”
Konsumfreudig und stromlinienförmig soll er sein, der Mensch im Kapitalismus. Den Lieben selbstgemalte Bilder zu Weihnachten schenken? Geht nur, wenn man höchstens acht Jahre alt ist oder ein direkter Nachkomme Picassos.
Weiter geht’s!
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5 Kommentare zu Konformität – wem gehört mein Leben?
@ernte23 du bist witzig. immer mehr Fließband Arbeit wird heute auch von Zeitarbeitern gemacht. erst machen die bei WV oder so ihre Ausbildung und dann heißt es dort als Zeitarbeiter weiter machen. in anderen Bereichen sieht es auch nicht viel anders aus. z.B. an der Kasse.
Das traurige an Marx ist, er ist gerade in heutigen Zeiten immer noch sehr Aktuell.
War missverständlich ausgedrückt, weder wollte ich insinuieren, dass ich Fließbandarbeit für eine humane Tätigkeit halte, noch dass sie überall gut bezahlt wird. Zumal ich das Leiharbeitsthema nicht mit bedacht hatte.
Aber ich habe schon Leute getroffen, die dermaßen zufrieden waren mit ihrem Fließbandjob, vermutlich weil es keine Leiharbeiter waren, dass ich mich von der Entfremdungstheorie verabschiedet habe, ohne damit gleich alle Thesen Marxens verwerfen zu wollen.
Hallo,
toller Artikel – der Themenkompex interessiert mich (gerade?) brennend.
Habt ihr weitere Lektürevorschläge? Fromm wurde angesprochen und ein paar klassiker der Sozialpsychologie, die ich auch schon in ein, zwei Büchern gefunden habe. Habt ihr Vorschläge wo weiter gelesen werden könnte?
Gruß
Sebastian
Ansonsten sind wir eingebettet in einer Welt, die wir Menschen zum Nachteil aller Lebensformen verändert haben. Nun sind wir gefangen in unseren eigenen errichteten Wirtschaftssystemen und stellen fest, dass wir zu Erfüllungsgehilfen mutiert sind, diese Systeme aufrechtzuerhalten. Eine Minderheit kontrolliert und sorgt dafür, dass die Masse ihnen zu Willen ist. Viele Menschen leiden darunter, ihr Alltag wird durch Hunger, Armut, Obdachlosigkeit, Unterdrückung, Ausbeutung, Verfolgung, Wasserknappheit, sowie durch umweltbedingte Erkrankungen bestimmt und vieles andere, was ein Leben menschenunwürdig macht.
Der oben im Artikel aufgeführte menschliche Wesenszug, in allem Konform laufen zu wollen, macht vieles Unrecht erst möglich. Gruppenzwänge sind als kollektive Form der Unterdrückung zu verurteilen. Sogar, wie oben schön dargestellt, Unrechtssysteme können mithilfe dieser Wesensart aufgebaut werden – man nehme nur Hitler, Stalin usw. sie haben Massenmorde gesellschaftsfähig gemacht und den Helfern das Gefühl vermittelt, es sei richtig, man müsse sich vor diesen unwerten Leben schützen!?. Kriege gehören auch zu dieser Kategorie. Der Staat baut Feindbilder auf, ein ganzes Volk wird zum Feind erklärt, man zieht in den Krieg und vergießt unschuldiges Blut, von Kindern, Alten, Frauen Männern und den gegnerischen Soldaten. Wie krank ist dass denn? Massenmorde als Staatsbürgerpflicht!
Wir alle befinden uns im Irrtum, in unseren Denkweisen, in unseren Handlungen, in der Meinung – wir könnten anderen vorschreiben, wie zu leben haben, weil wir unser Weltbild als dass richtige erachten. Mit Religionsführern ist es dasselbe, sie halten „ihren“ Gott für den richtigen – und zwingen notfalls unter Gewalt Menschen dazu, das vorgegebene Regelwerk einzuhalten – wer sich nicht fügt muss u. U. sterben. Perfide, wenn man pubertierende Mädchen steinigt, erschießt, stranguliert, weil sie sich weigern, einen alten Mann zu heiraten. Da werden achtjährige Mädchen als Frauen erklärt, damit alte greise Männer ihren pädophilen Neigungen straffrei nachgehen können. Religion als Machtinstrument unter vollkommen falschen gotteswidrigen Lehren!
Gott ist Liebe und Barmherzigkeit – niemals Unterdrückung, Mord und Zwang. Wer das predigt verbreitet eine Irrlehre.
Jeder darf nach der Lehre Jesu sein Leben selbstbestimmt leben, allerdings in der Form, dass er niemanden anderen zum Schaden gereicht. Leider ist das immer noch nicht der Fall, staatliche Systeme, religiöse Doktrinen, schrecken sogar vor Mord nicht zurück. Sie regieren und handeln nach ihren eigenen Vorstellungen – mit Gott haben diese Ausschreitungen nichts zu tun. „Ungläubige“ dagegen machen Gott für alles verantwortlich, nicht erkennend, dass der Mensch selbst der Verursacher von Leid ist. Mehr Besitz anzuhäufen und „reich“ zu werden, ohne Rücksicht auf die Folgen für die Umwelt, andere Lebensformen und Mitmenschen – die ja so weit wegwohnen und für Billigwaren unter für uns unvorstellbaren Arbeitsbedingungen schuften, damit wir billig einkaufen können.
Andere halten Gott für eine Fantasiegestalt und glauben nur dass, was die Wissenschaft ihnen präsentiert.
Dabei gibt es ein ganz einfaches Rezept, dass alles was an Unrecht in dieser Welt verhindert werden könnte – Liebe deine Nächsten wie Dich selbst. Würde dieser Spruch, den Jesus als größtes Gebot bezeichnet von allen beherzigt werden, dann wäre es uns unmöglich zu betrügen, auszubeuten, Kriege zu führen, zu verurteilen und zu morden.
Mit anderen Worten, falsch ausgerichtete Konformität fesselt uns an alte Strukturen, die wir aufbrechen müssen, damit wir endlich eine Welt schaffen, in der jeder gut leben kann. Das schafft man nur, indem man gegen den Strom schwimmt und sich bewusst für ein „anderes“ Leben entscheidet, eines dass frei von Sachzwängen ist und mit der Absicht geführt wird, anderen zum Segen zu werden …
Das geht und hilft nicht nur den anderen, sondern auch uns selbst…
Seht mal diesen Film an – er geht zwei Stunden – er lohnt sich aber und wird vielen vielleicht helfen zu verstehen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Anfänglich ist er leicht esoterisch angehaucht, aber ab dem 2.Drittel wird es wissenschaftlich, politisch und wirtschaftskritisch. Also nicht direkt am Anfang ausschalten, weil man glaubt er käme nur Hokuspokus….
Wir sollten anfangen zu lernen, das Leben mehr ist, als nur „Hiersein“
http://mediathek.viciente.at/2011/11/thrive-what-on-earth-will-it%EF%BB%BF-take-deutsch/
Liebe Grüße
Jesusfan
Nun, die marxistische Entfremdungstheorie heranzuziehen, um die Austauschbarkeit des Menschen im Kapitalismus zu beschreiben, ist in meinen Augen nicht mehr zeitgemäß. So viele Fließbandjobs gibt es auch gar nicht mehr in Deutschland und wenn, dann sind sie ziemlich gut bezahlt.
Das gestiegene, ausdifferenzierte Warenangebot liefert gerade die Möglichkeit, sich abzugrenzen auf der Konsumebene. Man denke allein an den Hobbymarkt. Es kann auch ein Hobby sein, sein Ökogewissen mit einem bestimmten Konsummuster zu beruhigen etc..