Von Anzügen, Uniformen und schlechtem Benehmen
Was bedeutet eigentlich das Wort “ehrbar”? Darf man, wenn man nur schick genug gekleidet ist, sich so verhalten, dass die eigene Mutter mindestens eine Woche Hausarrest und Rosenkohl-Essen verordnet hätte? Warum unsere Elite dringend erwachsen werden müsste…
Von Anzügen, Uniformen
und schlechtem Benehmen
Was bedeutet eigentlich das Wort “ehrbar”?
Man kann es nicht ohne einen gewissen schwarzen Humor betrachten. Da steht diese Woche Josef Ackermann bei der “Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V.” und hält eine Rede mit dem Titel “Markt und Moral: Zur Verantwortung globaler Unternehmen”.
Natürlich hat Herr Ackermann verstanden, dass der Zeitgeist wenigstens eine oberflächlich ethische Ausrichtung erfordert. Also verspricht er, Streubomben nicht mehr finanziell zu unterstützen (Wir nehmen uns einen Moment Zeit, um diese moralische “Höchstleistung” zu reflektieren) und die Rohstoff- und Lebensmittelspekulationen – die mitverantwortlich gemacht werden für Millionen Hungertote – zumindest überprüfen zu wollen. Na dann können wir uns ja alle beruhigt zurücklehnen, oder?
Einige Aktivisten der Hamburger Occupy-Bewegung sahen das anders. Sie störten Ackermanns Rede mit ihrem “Human Mic” – hier ein Video aus ihrer Sicht:
Herr Ackermann bat die Occupyler auf die Bühne, doch bemerkenswert viele der anwesenden “ehrbaren” Kaufleute legten ein äußerst unfeines Benehmen an den Tag. So wurde eine – durchaus hervorragend artikulierte – Aktivistin beschimpft: Sie könne kein Deutsch sprechen und überhaupt seien sie alle dumm.
“Alle doof” – das klingt nach Schäfchen-Comic oder maximal nach Schulhofsniveau und entspricht nicht dem, was man von der Elite dieses Landes erwartet hätte. Auch von gegen sie gerichteten Handgreiflichkeiten berichten die Aktivisten.
Do you have a flag?
Hast Du einen Anzug?
Es scheint, als ob das Tragen eines Anzuges, wahlweise einer Uniform, bei einigen Menschen zu einer Art mentalen Fehlleistung führt. Das äußere Symbol soll ermächtigen, die eigene Autoritätsposition bestätigen – und das erlaubt dann schließlich jede Form miserablen Verhaltens, für das die eigene Mutter vermutlich mindestens eine Woche Stubenarrest und Rosenkohl-Essen verordnet hätte. Natürlich ist das Phänomen, bedeutungslose materielle Stücke mit großer Macht zu befrachten, schon etwas älter, wie Komödiant Eddie Izzard hier schön auf den Punkt bringt (englisch):
Ein bisschen erinnert es an Szenen aus dem Kindergarten, wo der kleine Junge das meiste Sagen hat, der die tollste Star Wars-Karte (also eine der Force Meister Glitzer Karten, im Fachjargon “Glitzies” genannt) besitzt. Doch das man sich mit einem durch soziale Rangordnung gepimpten Ego schon mal verrennen kann, demonstiert Darth Vader, formerly known as Anakin Skywalker, in diesem Video:
Innerer vs. äußerer Reichtum
Auf vielen besetzten Plätzen der Welt haben sich Menschen der Occupy-Bewegung zusammengefunden, um gemeinsam zu meditieren – für eine bessere Welt, für Frieden, für das gemeinsame Voranschreiten in eine positivere Zukunft. Dieses Bild zeigt deutlich, wie neues und altes Bewusstsein momentan nebeneinander existieren. Der Leser möge selbst entscheiden, wer hier mehr Souveränität ausstrahlt – und welches Verhalten das Unangemessene ist. Wir leben in einer Welt, in der wir lustigen Dingen große Bedeutung zugesprochen haben – und uns dann wiederum die Köpfe einschlagen, um ein Stück davon zu bekommen oder eben diese Bedeutung zu erhalten. Das Leben könnte so einfach sein – wenn wir nur endlich erwachsen würden.
Fotos: Ackermann und Aktivisten: Occupy Hamburg, Meditierende verhaftet: Jan-frank Gerards
Die Liebe, die wir zurückhalten






