Wirtschaft ohne Geld
Der Kanadier Jaques Fresco (95) entwirft ein neues Gesellschaftsmodell – ist es tragfähig?
Wirtschaft ohne Geld
Jaques Fresco und das Venus-Projekt
Unser derzeitiges Gesellschaftssystem ist nicht in der Lage, allen Menschen einen angemessenen Lebensstandard, geschweige denn Wohlstand, zu gewährleisten. Das betont der Kanadier Jaques Fresco, wenn er seine Zukunftsvision skiziiert. Dank des durch Profit angetriebenen Wettbewerbs entstehen Probleme, die in dem System, das sie erschafft, nicht behoben werden können. Konsumgüter werden im Übermaß produziert, gleichzeitig schwindet jedoch die Kaufkraft der Konsumenten. Ein wahrhaft nachhaltiges, effizientes Konzept kann laut Fresco nicht aus einzelnen Maßnahmen erwachsen. Ein komplett neues, frisches Konzept werde zur Umstrukturierung benötigt.
Genau das ist das Ziel des Venus-Projekts, in dem die Gedanken des mittlerweile 95-jährigen Jacques Fresco – Autor, Industriedesigner und Futurist – umgesetzt werden. Das Projekt dient als Modell für eine neue Gesellschaft und vor allem für eine neue Wirtschaft, in der den Begriffen Effizienz, Ressourcenmanagement und fortschreitender Automatisierung eine stärkere Bedeutung beigemessen wird. Tatkräftig unterstützt wird Fresco von seiner langjährigen Kollegin Roxanne Meadows, Modellbauerin und Illustratorin, mit der er im Jahr 1975 gemeinsam nach der Liquidation seines vorherigen Unternehmens sociocyberneering inc. die Arbeit am Venus Project begann. Auf einem etwa acht Hektar großen Areal im namensgebenden Ort Venus, Florida liegt das Research Center, in dem Fresco und Meadows seit Jahren an der Umsetzung ihrer Ideen arbeiten. Dort haben sie in Eigeninitiative mittlerweile zehn Gebäude, Einfamilienhäuser und Konferenzcenter gebaut.
Keine Utopie
Wichtig ist dem Team, dass es sich beim Venus Project nicht um eine Utopie handelt. „So etwas wie eine Utopie gibt es nicht!“ sagte Fresco 2010 in einem Interview mit TV New Zealand. Wer etwas entwirft, sei es eine Utopie, eine Gesellschaft oder ein Computer, entwirft nur das „beste“, das er zur Zeit entwerfen kann. Im Jahr darauf ist es möglich, eine fortgeschrittenere Utopie, eine fortgeschrittenere Gesellschaft und einen fortgeschritteneren Computer zu konstruieren.
Betrachtet man nun die Designs der Gebäude und Fahrzeuge des Venus Project einmal genauer, könnte man dennoch auf den Gedanken kommen, dass dies die Entwürfe der Architekten und Filmemacher der 1950er Jahre seien, die doch schon damals in ähnlichen Bildern die Welt im Jahre 2000 darzustellen versuchten. Fresco verneint das vehement.
Hollywood stelle Menschen dar, die mit Laserwaffen das Weltall erobern. „Sie nehmen die selben Cowboys und Indianer wie früher und stecken sie in Raumschiffe.“ Das sei das Ergebnis einer beschränkten Gesellschaft, in der gewohnte Konzepte in neue Kleider gesteckt werden. Was ist so anders in der Welt des Venus-Projekts?
Wirtschaft ohne Geld
Der innovative Kerngedanke im Venus-Projekt ist die Ressourcenbasierte Wirtschaft (RBE = Resource-Based-Economy), die im Gegensatz zum monetären System nicht auf Geld, sondern auf den Ressourcen der Erde aufbaut. In dieser Welt werden die vorhandenen Ressourcen verwendet, um jedem Menschen auf die einfachste und humanste Art seine Wünsche zu erfüllen. Geld ist nicht mehr nötig. In einer Ressourcenbasierten Wirtschaft dient es einfach keinem Zweck mehr und kann dadurch abgeschafft werden. Da die meisten Verbrechen aus Gier begangen werden, sinkt somit auch die Verbrechensrate erheblich. Doch Frescos Vorstellungen stoßen auf Kritik. Warum sollte jeder Mensch Zugang zu allem haben, wenn er zuvor keine Leistung erbracht hat, um sich den Zugang „zu verdienen“? Frescos Antwort auf diese Frage ist simpel: Wenn ich einen Computer benutze, in ein Flugzeug steige, was habe ich für eine Leistung erbracht, um daran teilzuhaben? Habe ich den Computers entwickelt? Das Flugzeug erfunden? Wir erbringen keine Leistung, um Fortschritte zu nutzen, wir bekommen sie umsonst, um des Fortschritt Willens. So passiert es auch in der Welt des Venus Project.
„Das vermindert doch sicherlich die Arbeitsmoral“, könnte man denken. „Warum überhaupt noch arbeiten? Lassen wir es doch einfach ganz.“
Und genau das passiert in der vom Venus-Projekt angestrebten Welt. Es braucht keinen Unabhängigkeitskrieg wie 1775 in den USA, keinen Aufstand durch Rebellen wie in den 1950er Jahren in Kuba und keine Proteste des Volkes wie im Frühjahr 2011 in Ägypten. Laut Fresco ist es eine Revolution der Technologie, die wir brauchen.
Denn eine voranschreitende Technologie ermöglicht es dem Menschen fast ganz auf Arbeit zu verzichten. Mehr und mehr Jobs werden durch Maschinen ersetzt. Nur noch ein kleiner Anteil der städtischen Bevölkerung wird benötigt, um die zentrale Versorgung zu steuern sowie den technischen Fortschritt zu gewährleisten.
Menschen müssen nicht mehr arbeiten, um Geld zu verdienen, weil bereits für alles gesorgt ist. Berufe werden von nun an des Berufes halber ausgeübt und dienen der persönlichen Erfüllung und der positiven Gestaltung des gesellschaftlichem Lebens.
Versorgung, Stadtplanung, Infrastruktur.
Die Stadt der Zukunft soll nicht in einem Chaos versinken, in dem Gebäude willkürlich verteilt werden; sie soll geordnet sein: kreisförmig und in Ringen sortiert. Im Zentrum liegt der Bildungs- und Verwaltungsring, weiter außen liegen die Agrikultur-, die Erholungs- und die Wohnringe. Weitere Ringe existieren z.B. für die Produktion von Gütern sowie für kulturelle Aktivitäten.
Diese Ringe sind nicht nur auf der Oberfläche zu erkennen, auch unterirdisch wird so der Transport, das Recycling, Wasser und Energie verwaltet und verteilt – auf diesem Wege sollen auch Güter ins Haus kommen.
Heutige Untergrundsysteme, sei es die U-Bahn oder die Kanalisation, müssten nur geringfügig ausgebaut werden, um den Ansprüchen des Venus Project zu genügen. So könnte, laut Fresco und Meadows, die Erdoberfläche in weniger als 15 Jahren eine komplett neue Gestalt annehmen.
Herrschaft der Maschinen?
Doch automatisierte Städte lösen nicht in allen Menschen Wohlbehagen aus. Kann ich mich noch sicher fühlen, wenn ich meine Sicherheit keinem anderen Menschen, sondern Maschinen, anvertraue? Nach welchen Kriterien werden Entscheidungen getroffen?
Kritiker erwarten vom Venus-Projekt eine apokalyptische Eskalation im Stil der Terminator- oder Matrixreihe, wo Maschinen die Kontrolle übernehmen und die Menschheit unterdrücken. Die Aussagen des Venus Teams verdeutlichen aber, dass das eigentlich automatisierte System weiterhin in Kontrollbüros in der Mitte der zentralen Ringe von Menschen überwacht wird. Es bleibt die Frage: Lässt sich eine ressourcenbasierte Wirtschaft überhaupt verwirklichen? SH











3 Kommentare zu Wirtschaft ohne Geld
Hallo,
Weiß jemand vielleicht wann die ersten “Siedlungen” angefangen werden zu bauen?
Durch eine Doku hatte ich das erste mal vom Venus Projekt erfahren, und klingt
zu schön um wahr zu sein.
würde mich um eine Antwort per Mail sehr freuen, wenn jemand genauere Informationen hat.
Danke!
Mit freundlichen Grüßen
Gahimo Kenji
Wohin das monetäre System führt, können wir seit Monaten täglich in den Nachrichten hören… Dieses System fasziniert mich sehr – aber – WIE (und wann) kommen wir dahin? Niemals werden die Mächtigen und Reichen ihre Privilegien freiwillig aufgeben – warum sollten sie auch? Sie beruhigen ihr soziales Gewissen durch Charity luxuriöse Veranstalungen, und spenden ein wenig…
Ich bin schon neugierig auf die Zukunft!
Geld scheint mir ein störender Faktor in unserer Welt zu sein. Eigene Wertvorstellungen zu leben scheitert genau immer an dem Punkt, wo es um Geld geht. Ich erlebe es als Hindernis für Beziehungen, als Hindernis, die Dinge zu tun und zu entwickeln, die mir und offenbar vielen anderen sehr wichtig sind. So kämpfen viele täglich um ihre Existenz (letztlich um Geld zum Leben), kommen kaum zum Nachdenken, resignieren. Neid und Mißgunst verhindern vieles.
Wir alle könnten so viele wichtigere Dinge tun und die Prozesse vorantreiben, die zu einer menschlicheren Gesellschaft führen. Aber wir kämpfen gegen Windmühlen in uns selbst und um uns herum. Verfestigte Verhaltensmuster hemmen die Masse … Kommen wir da raus? Wie organisiert sich solch eine Umwandlung? Wieviele Kampagnen braucht es, um die Gemüter zu bewegen, dass es tatsächlich eine Revolution wird?
Ein bißchen gruselig finde ich die runde städtische Anordnung, auch wenn der Kreis eine Art Vollkommenheit ist oder gerade deshalb? Ich mag eine gewisse Unordnung … und Unvollkommenheit beruhigt mich …
Dennoch, es ist Bewegung drin … ich bin sehr gespannt … und neugierig … unruhig und trotz aller Hindernisse optimistisch.